Craps ist der lauteste Tisch des Casinos und für Neulinge der abschreckendste: ein wannenförmiger Riesentisch, ein Tableau voller kryptischer Felder, vier Angestellte, eigenes Vokabular, und alle schreien. Dahinter verbirgt sich ein Paradox, das diese Seite auflösen will: Das scheinbar komplizierteste Spiel des Hauses besitzt eine der fairsten Grundwetten überhaupt. Wer genau zwei Wetten kennt, spielt Craps mathematisch nahezu optimal. Dazu gehört allerdings auch die ehrliche Auskunft, dass Craps in Deutschland kaum zu finden ist, weder legal online noch flächendeckend in den Spielbanken.
Das Spielprinzip: eine Runde, zwei Phasen
Gewürfelt wird mit zwei Würfeln, geworfen von einem Spieler, dem Shooter, dessen Rolle reihum wandert. Eine Runde beginnt mit dem Come-Out-Wurf. Drei Ausgänge sind möglich:
| Come-Out-Wurf | Ergebnis für die Pass Line |
|---|---|
| 7 oder 11 („Natural") | Sofortiger Gewinn |
| 2, 3 oder 12 („Craps") | Sofortiger Verlust |
| 4, 5, 6, 8, 9 oder 10 | Die Zahl wird zum „Point", die zweite Phase beginnt |
Steht ein Point, würfelt der Shooter so lange weiter, bis eine von zwei Zahlen fällt: der Point selbst (die Pass Line gewinnt) oder die 7 (die Pass Line verliert, „Seven Out", und die Würfel wandern zum nächsten Shooter). Alle anderen Summen sind in dieser Phase für die Grundwette bedeutungslos. Das ist das ganze Spiel. Alles Übrige auf dem Tableau sind Zusatzwetten auf denselben Würfelverlauf.
Warum die Pass Line fair ist: die Rechnung
Zwei Würfel erzeugen 36 gleichwahrscheinliche Kombinationen. Die 7 ist mit sechs Kombinationen die häufigste Summe, die 2 und die 12 sind mit je einer die seltensten. Aus dieser Verteilung lässt sich der komplette Spielverlauf durchrechnen: Im Come-Out gewinnt die Pass Line mit 8 von 36 Fällen sofort (sechs Kombinationen für die 7, zwei für die 11) und verliert mit 4 von 36 (Craps). In der Point-Phase hängt die Gewinnchance vom Point ab; eine 6 oder 8 fällt vor der 7 mit Wahrscheinlichkeit 5/11, eine 4 oder 10 nur mit 3/9. Summiert über alle Verläufe gewinnt die Pass-Line-Wette in 244 von 495 Fällen und verliert in 251. Die Differenz, 7 von 495, ergibt den Hausvorteil: 1,41 Prozent.
Zum Einordnen: Europäisches Roulette kostet auf jede Wette 2,70 Prozent, die Banker-Wette beim Baccarat 1,06 Prozent, Blackjack mit sauberer Basisstrategie rund 0,5 Prozent. Die Pass Line spielt also in der Spitzengruppe der Casinowetten, und das ganz ohne Strategiestudium. Die Spiegelwette Don't Pass, die auf das Scheitern des Shooters setzt, ist mit 1,36 Prozent sogar minimal günstiger; die 12 im Come-Out wird dort als Unentschieden gewertet („Bar 12"), genau daraus bezieht das Haus seinen Vorteil. Den breiteren Vergleich über alle Spiele zieht der Beitrag zu den Gewinnwahrscheinlichkeiten von Casinospielen.
Die Odds-Wette: null Prozent Hausvorteil
Craps bietet eine Kuriosität, die es sonst nirgendwo im Casino gibt. Sobald ein Point feststeht, dürfen Sie hinter Ihren Pass-Line-Einsatz einen Zusatzeinsatz legen, die sogenannten Odds. Diese Wette gewinnt und verliert mit der Pass Line, wird aber exakt nach den wahren Wahrscheinlichkeiten ausgezahlt: 2:1 auf die Points 4 und 10, 3:2 auf 5 und 9, 6:5 auf 6 und 8. Der Erwartungswert ist null, das Haus verdient an dieser Wette nichts. Deshalb begrenzen Casinos die Odds auf ein Vielfaches des Grundeinsatzes, üblich sind Regeln wie „3x/4x/5x". Wer Pass Line plus maximale Odds spielt, drückt den kombinierten Hausvorteil seines Gesamteinsatzes deutlich unter 1 Prozent, so günstig spielt man sonst nirgendwo am Tisch.
Die Odds-Wette hat keinen eigenen Aufdruck auf dem Tableau, sie wird schlicht hinter die Pass-Line-Wette gelegt. Was das Casino nicht bewirbt, ist selten schlecht für den Spieler; bei Craps gilt die Regel wörtlich.
Come und Don't Come: die Grundwette zum Nachlegen
Wer die Pass Line verstanden hat, kennt automatisch auch die zweite sinnvolle Wettfamilie des Tableaus. Eine Come-Wette ist nichts anderes als eine neue Pass-Line-Wette mitten in einer laufenden Runde: Der nächste Wurf gilt für sie als persönlicher Come-Out, eine 7 oder 11 gewinnt sofort, Craps verliert, jede andere Zahl wird zum eigenen Come-Point, der vor der nächsten 7 erneut fallen muss. Auch hinter Come-Wetten dürfen Odds gelegt werden. Der Hausvorteil ist mit 1,41 Prozent identisch zur Pass Line, die Spiegelvariante Don't Come entspricht dem Don't Pass. Wer mehrere Come-Wetten aufbaut, hat schlicht mehrere faire Grundwetten gleichzeitig laufen, mit entsprechend mehr Geld im Risiko. Mehr braucht es nicht, um an einem vollen Tisch dauerhaft mitzuspielen, und es bleibt die einzige Möglichkeit, das Spieltempo zu erhöhen, ohne in schlechtere Quoten zu wechseln.
Die Tischmitte: wo die Quoten sterben
Das Gegenstück zur fairen Grundwette liegt in der Mitte des Tableaus. Die Proposition-Wetten auf einzelne Würfe klingen aufregend und werden vom Stickman lautstark angepriesen, ihre Hausvorteile sind jedoch drastisch: „Any 7" (die nächste Summe ist eine 7) kostet 16,67 Prozent, die Hardways (Pasch-Kombinationen wie zwei Vieren) liegen je nach Wette bei 9,09 bis 11,11 Prozent, „Any Craps" bei 11,11 Prozent. Selbst das harmlos wirkende Field, das sieben verschiedene Summen abdeckt, trägt 5,56 Prozent Hausvorteil, wenn die 12 nur doppelt zahlt (2,78 Prozent bei dreifacher Auszahlung). Am selben Tisch liegen damit eine Wette mit null Prozent und eine mit 16,67 Prozent Hausvorteil nur eine Armlänge auseinander. Die Faustregel für den ganzen Tisch: Grundwetten außen gut, Schnellwetten innen schlecht.
Warum der Tisch einschüchtert und warum zu Unrecht
Die Einstiegshürde von Craps ist Soziologie, nicht Mathematik. Der Tisch ist groß und dicht umlagert, vier Angestellte (Boxman, zwei Dealer, Stickman) wickeln das Spiel im Sekundentakt ab, und der Jargon aus „Yo-leven", „Snake Eyes" und „Coming out!" klingt nach Geheimwissenschaft. Dazu kommen Rituale: Der Shooter muss die Würfel gegen die gepolsterte Rückwand werfen, Wetten dürfen nur zu bestimmten Zeitpunkten gelegt werden, und gegen den Shooter zu setzen gilt als Fauxpas. All das erzeugt den Eindruck, man müsse das Tableau vollständig verstehen, bevor man mitspielen darf.
Das Gegenteil trifft zu. Wer eine Pass-Line-Wette legt und nach dem Point Odds dahinter setzt, spielt das Spiel vollständig und zugleich mathematisch nahezu optimal; alles andere auf dem Tisch ist verzichtbar. Auch die Angst, als Shooter etwas falsch zu machen, ist unbegründet: Beeinflussen lässt sich der Wurf nicht, die Pyramidenpolsterung der Rückwand sorgt genau dafür, und das oft beschworene „Dice Setting" hat keinen belastbaren Nachweis. Der Lärm des Tisches ist Gemeinschaftsdramaturgie, alle Beteiligten wetten meist auf dasselbe Ergebnis und gewinnen oder verlieren gemeinsam. Das macht Craps zum geselligsten Bankspiel des Casinos.
Von Hazard nach New Orleans: woher Craps kommt
Dass Craps so amerikanisch wirkt, hat historische Gründe, europäische allerdings. Das Spiel stammt vom englischen Würfelspiel Hazard ab, das seit dem Mittelalter belegt ist und dessen Regelkern, eine Zielzahl vor der Verlustzahl zu treffen, bis heute durchscheint. Anfang des 19. Jahrhunderts brachte der Louisiana-Aristokrat Bernard de Marigny eine vereinfachte Version nach New Orleans, von wo sie sich über die Mississippi-Dampfer und später als Straßenspiel über die Vereinigten Staaten verbreitete; der Name geht auf „crabs" zurück, eine alte Bezeichnung für den Fehlwurf. Den endgültigen Schub gaben die Weltkriege, in denen Craps zum Standardzeitvertreib amerikanischer Soldaten wurde, und das Nachkriegs-Las-Vegas, das den lauten Gemeinschaftstisch zum Herzstück des Casinobodens machte. Europa hat diese Prägung nie durchlaufen, seine Spielbanken blieben beim Roulette. Genau diese Geschichte erklärt die Verfügbarkeitslücke, um die es im nächsten Abschnitt geht.
Craps in Deutschland: doppelt rar
Nun zur nüchternen deutschen Realität, und die ist bei Craps besonders knapp. Online gilt dieselbe Rechtslage wie für alle Tischspiele: Die bundesweite Erlaubnis der Gemeinsamen Glücksspielbehörde der Länder (GGL) umfasst virtuelle Automatenspiele, Online-Poker und Sportwetten, Craps gehört nicht dazu. Online-Craps für deutsche Kunden ist von keiner bundesweiten Erlaubnis gedeckt; Anbieter, die es dennoch freischalten, dokumentieren wir auf der Warnliste.
Und auch offline ist Craps hierzulande eine Randerscheinung. Das Spiel ist eine amerikanische Institution, die in Europa nie dieselbe Dichte erreicht hat: Ein Craps-Tisch braucht viel Platz, mehrere gleichzeitig geschulte Croupiers und ein Publikum, das das Spiel kennt, eine Kombination, die sich für die meisten deutschen Häuser nicht rechnet. Nur einzelne größere Spielbanken führen überhaupt einen Craps-Tisch, teils beschränkt auf bestimmte Tage oder Veranstaltungen, während Roulette und Blackjack praktisch überall zum klassischen Spiel gehören. Wer gezielt Craps spielen will, sollte vor der Anfahrt beim jeweiligen Haus nachfragen; einen Überblick über die Landschaft gibt der Beitrag zu den Spielbanken in Deutschland. Die verlässlichste Gelegenheit bleibt die Reise in Casinoländer mit amerikanischer Prägung, allen voran Las Vegas.
Fazit
Craps bestraft den ersten Eindruck: Hinter dem lautesten und kompliziertesten Tisch des Casinos steckt ein Zwei-Phasen-Spiel, dessen Grundwette mit 1,41 Prozent Hausvorteil zu den fairsten des Hauses zählt und dessen Odds-Wette als einzige im Casino gar keinen Hausvorteil trägt. Die Regel für den Einstieg passt auf einen Bierdeckel: Pass Line setzen, Odds dahinter, Tischmitte ignorieren. Nur spielen lässt sich das in Deutschland kaum, online fehlt die Rechtsgrundlage, und am Spielbank-Tisch ist Craps die Ausnahme, nicht die Regel.